In der Kita werden die Grundlagen für den Bildungserfolg gelegt. Insbesondere Kinder, deren Familiensprache eine andere als Deutsch ist oder deren Familien benachteiligt sind, profitieren erheblich von einem Kita-Besuch.
Gleichzeitig sind migrantische Familien jedoch häufig mit rassistischen Strukturen, Barrieren und Ausgrenzungsmechanismen konfrontiert, was einen Zugang oft behindert oder sogar verhindert.
Am Fachtag des MigrantenElternNetzwerk Niedersachsen Frühkindliche Bildung ist für alle da: gerecht und diversitätssensibel – Aktiv gegen rassistische Ausgrenzungsmechanismen und Barrieren – am 28. April 2026 nahmen ca. 100 Eltern, Fachkräfte wie auch Menschen aus Verwaltung und aus Migrant*innenselbstorganisationen teil.
Nach einem einführenden Fachvortrag von Christiane Kassama, der vor allem verdeutlichte, wie eine rassismuskritische Organisationsentwicklung in Kitas umgesetzt werden kann und welche positiven Effekte sie hat, hatten Eltern auf dem Podium die Möglichkeit, ihre Perspektive aufzuzeigen. Die Erfahrungen wurden im Anschluss noch fachlich eingeordnet. In den sich anschließenden Dialoggruppen konnten Eltern mit Fachkräften und anderen Bildungsakteur*innen ins Gespräch kommen und gemeinsam Herausforderungen wie auch Lösungen identifizieren.
Durch den Tag führte uns die Moderatorin Sissi Eklu-Natey.
In den Dialoggruppen hatten Eltern und Fachkräfte wie auch andere Bildungsakteur*innen die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Das Ziel war es, gemeinsam Herausforderungen zu identifizieren, die vor allem für Eltern Hürden beim gleichberechtigten Zugang zur Kita und bei der Bildungsteilhabe darstellen. Im Anschluss wurden gemeinsam Lösungen erarbeitet, die diesen Barrieren aktiv begegnen und sie abbauen können.
Herausforderungen
1. Große Intransparenz
Die Konzepte zur Förderung der Mehrsprachigkeit sind von Kita zu Kita sehr unterschiedlich und werden auch unterschiedlich gelebt. Häufig ist für die Eltern nicht erkennbar, auf welcher Grundlage der Sprachförderbedarf der Kinder festgestellt wird und was die Kita tut, wenn ein Sprachförderbedarf bei einem Kind festgestellt wird oder Eltern werden über Maßnahmen nicht ausreichend informiert.
2. Mangelnde Sprachanlässe und Sprachförderangebote
Zum Teil stehen keine Kapazitäten für die Sprachförderung bereit. Zudem verschärft der bestehende Personalmangel die Versorgungssituation. Eltern berichten, dass von ihnen gefordert wurde, dass Kind zuhause in der deutschen Sprache zu fördern.
3. Fehlende Qualifizierung und Haltung
Das Personal ist nicht immer ausreichend qualifiziert für die Sprachbildung der Kinder und es mangelt an Wissen z. B. wie Deutsch und die Erstsprache zusammengedacht werden können. Außerdem wird Sprachförderbedarf seitens der Fachkräfte als etwas Negatives wahrgenommen und so den Eltern kommuniziert.
Lösungsoptionen
1. Transparenz und Wertschätzung
Die Eltern wünschen sich eine transparente und wertschätzende Kommunikation, wenn es um Sprachförderung geht. Dazu beitragen würde, wenn das Stigma von Sprachförderung aufgearbeitet werden würde
2. Elterneinbindung
Eltern sollten im Prozess der Sprachförderung mitgenommen und umfassend über die Bedeutung der Sprachförderung, über Maßnahmen und Programme informiert werden. Die Kommunikation und Zusammenarbeit mit den Eltern im Bereich der Sprachförderung muss kompetenzorientiert, wertschätzend, transparent und verständlich umgesetzt werden.
Eltern sollten frühzeitig und niedrigschwellig über die Möglichkeit der Sprachförderung informiert werden, z. B. bereits bei der Geburt, durch die Kommunen.
3. Qualitätssicherung
Sprachförderung sollte bereits vor der Kita (0-3 Jahre) beginnen: Möglichkeiten sind Griffbereit-Gruppen, die ohnehin auf den Kindergartenbesuch vorbereiten. Dabei sollen auch die Eltern eingebunden und über Möglichkeiten, die Sprachentwicklung ihres Kindes zu fördern, informiert werden. Bei der alltagsintegrierten Sprachförderung sollten Erstsprache und Deutsch zusammengedacht werden. Die Erstsprache sollte darüber hinaus auch bei der Testung berücksichtigt werden, es braucht z.B. eine Überarbeitung der Sprachstandserhebung und Schuluntersuchungen wie durch die Ergänzung um Fragebögen zur Erstsprache. Zur Qualitätssicherung müssen die unterschiedlichen Akteure im Prozess der Sprachförderung besser zusammenarbeiten.
4. Förderung der Mehrsprachigkeit
Mehrsprachige Kitas und Kindergärten sollten gefördert werden und vorhandene Ressourcen durch mehrsprachige Kitamitarbeiter*innen genutzt und wertgeschätzt werden. Es sollten mehrsprachige Materialien für Kitas, die Eltern und Kinder zur Verfügung stehen, die die Sprachbildung unterstützen und auch von den Familien ausgeliehen werden können. Die Basis des pädagogischen Handelns ist die Anerkennung der Mehrsprachigkeit als Ressource.
Herausforderungen
1. Fehlende oder mangelnde Kompetenzen im Umgang mit Rassismus und Diversitätskompetenz
Viele Fachkräfte und Einrichtungen zeigen ein geringes Problembewusstsein sowie eine unzureichende Sprach- und Handlungsfähigkeit, wenn es um die Auswahl und den Einsatz von Materialien geht, die Vielfalt abbilden.
2. Fehlende Vorgaben für nicht-diskriminierendes Material
Es gibt keine verbindlichen Vorgaben für nicht-diskriminierende Kinderbücher oder Spielzeuge. Dies führt dazu, dass die Auswahl oft von individuellen Initiativen abhängt.
3. Keine strukturellen Maßnahmen und große Abhängigkeit
Die Tatsache, dass strukturelle Maßnahmen fehlen, verhindert, dass flächendeckend diversitätssensible Materialien eingesetzt werden.
Lösungsoptionen
1. Verbindliche Weiterbildung und Verankerung in der Ausbildung
Verbindliche Weiterbildungen für Fachkräfte und Eltern sollen eingeführt werden, um das Bewusstsein für Diversität, Rassismus und strukturelle Diskriminierung in Kinderbüchern und Spielmaterialien zu schärfen. Diese Weiterbildungen sollten praxisnah gestaltet sein und konkrete Handlungsempfehlungen für den Alltag bieten. Außerdem sollen die Themen auch fest in der Ausbildung verankert werden.
2. Verbindliche Vorgaben für Neuanschaffung und Leitfäden
Ein zentraler Punkt ist die Forderung nach verbindlichen Vorgaben für Kinderbücher und Spielmaterialien. Nur geprüfte, nicht-diskriminierende Materialien sollten in Kitas und anderen Bildungseinrichtungen verwendet werden. Eltern betonten, dass hier klare Kriterien und Transparenz notwendig sind, um sicherzustellen, dass alle Kinder sich in den Materialien wiederfinden und wertgeschätzt fühlen.
3. Konzeptanpassung
Zusätzlich wurde die Anpassung pädagogischer Konzepte gefordert. Dazu gehört die Förderung von Mehrsprachigkeit in Kinderbüchern sowie die Integration von Rassismuskritik in die Auswahl und den Einsatz von Spielmaterialien. Träger und Politik sind aufgefordert, Leitfäden zu entwickeln, die Einrichtungen bei der Umsetzung unterstützen.
4. Mehr Elterneinbindung
Schließlich wurde die stärkere Einbindung der Eltern in die Auswahl und Gestaltung von Kinderbüchern und Spielmaterialien betont. Durch regelmäßige Dialoge, Feedbackrunden und gemeinsame Projekte können Eltern aktiv in den Prozess einbezogen werden, um eine kultursensible und inklusive Lernumgebung zu schaffen.
Herausforderungen:
1. Intransparente Auswahl- und Vergabeverfahren der Kita-Plätze
Es gibt Vorurteile gegenüber migrantischen Familien, was rassistische Diskriminierungen bei der Auswahl zur Folge haben kann. In der Folge entstehen häufig lange Wartezeiten, viele Absagen oder lange Fahrtwege zu einem zugesagten Kita-Platz, was für die Eltern große Probleme darstellen.
2. Komplizierte und unklare Anmeldeverfahren
Die Träger*innenvielfalt, Sprachbarrieren (vor allem bei telefonischer Anmeldung), die unterschiedlichen Anmeldeverfahren je nach Kommune (bspw. ist manchmal auch eine persönliche Anmeldung in der Einrichtung erforderlich), die festen Anmeldezeiträume, die häufig nicht einzuhalten sind, weil Familien die Kommune wechseln müssen oder nach diesem Zeitraum einer Kommune zugewiesen erschweren die Anmeldung der Kinder. Zu der Komplexität kommt erschwerend hinzu, dass Eltern oft grundlegende Informationen fehlen.
3. Technische Hürden
Die Online-Portale und Formulare sind in vielen Fällen sehr kompliziert, sogar, wenn sie mehrsprachig zur Verfügung stehen. In manchen Kommunen (z.B. Hannover) ist es zudem erforderlich, die Anmeldung im Portal regelmäßig zu bestätigen, in anderen müssen Kinder mit unterschiedlichen Mailadressen angemeldet werden (z.B. Göttingen), da andernfalls die erste Anmeldung überschrieben wird.
Lösungsoptionen:
1. Zugang zu Informationen und Angeboten
Eltern benötigen bessere bzw. gebündelte Informationen über bestehende Angebote, diese sollten auch mehrsprachig angeboten werden. Eltern sollten aktiv angesprochen werden, dies kann z.B. über migrantische Vereine/Projekte wie das MigrantenElternNetzwerk geschehen.
Ideal wäre die Entwicklung eines Informationspakets („Willkommen auf dem Welt“-Paket) für Eltern mit dem Ziel, Eltern frühzeitig, transparent und umfassend über den Kita-Platz-Bewerbungsprozess informieren und den Einstieg erleichtern. Es könnte Informationen zum Kita-Angebot, eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, eine Eltern-Checkliste (Dokumente), Zeitplan/Fristen, Kontaktmöglichkeiten, FAQ, Glossar, Eingewöhnungscheckliste und optional kurze Videos in z.B. leichter Sprache beinhalten und nach der Geburt zur Verfügung gestellt werden.
2. Mehrsprachigkeit und Beratung
Es braucht den Ausbau mehrsprachiger und aufsuchender Beratungsangebote, z.B. über die Stadtteileltern in den Familienzentren oder Stadtteilpat*innen (z.B. Wolfsburg), die Beratungsangebote sollten dabei einheitlich gestaltet sein und einen einheitlichen Qualitätsrahmen zu Grunde liegen haben.
3. Transparenz und Überblick
Es ist eine klarere Darstellung der vorhandenen Strukturen und Träger*innen und der Aufbau stadtteilbezogener Übersichten zu Angeboten erforderlich. Hierfür bedarf es der Etablierung einer koordinierenden Stelle mit dem Ziel, eine zentrale Organisation zu etablieren, die im Kita-Bereich die Transparenz und Informationsbündelung erhöht.
4. Vereinfachung von Prozessen
Zentral ist die Überarbeitung der Anmeldeverfahren mit dem Ziel der Vereinheitlichung und umfassenden Transparenz. Dafür benötigen Eltern frühzeitig mehrsprachige und umfassende Informationen. Ideal wäre es, Anmeldeverfahren niedersachsenweit zu vereinheitlichen und transparent zu gestalten.
5. Nutzung von Kompetenzen und externe Unterstützung
Sprachliche und interkulturelle Kompetenzen innerhalb der Kita-Teams sollten stärker und gezielter genutzt werden. Eltern sollte auch aktiv die Möglichkeit eingeräumt werden, Begleitpersonen zu Terminen mitzubringen.
Herausforderungen
1. Strukturelle Probleme
Viele Kitas, Schulen und Beratungsstellen verfügen nicht über ausreichend Zeit, finanzielle Mittel oder personelle Ressourcen, um intensive Elternarbeit nachhaltig umzusetzen. Besonders problematisch seien befristete Arbeitsverträge, da dadurch ständig neue Fachkräfte eingearbeitet und neues Vertrauen aufgebaut werden müsse.
2. Fehlende Kompetenzen
Es wurde betont, dass pädagogische Fachkräfte Kenntnisse in Sprachbildung und interkultureller Kommunikation benötigen. Umfassende Kompetenzen im Bereich Diversität, Vielfalt und zum diskriminierungssensiblen Handeln fehlen jedoch häufig und erschweren die Zusammenarbeit mit Eltern.
Lösungsoptionen
1. Elterneinbindung und Elternzugang
Familien bringen bereits viele wichtige Kompetenzen und Kenntnisse über die Bedürfnisse ihrer Kinder mit. Einrichtungen sollten diese Perspektiven ernst nehmen und Eltern als gleichberechtigte Partner*innen wahrnehmen. Besonders hervorgehoben wurde die Bedeutung eines aktiven und kontinuierlichen Austauschs zwischen Fachkräften und Eltern. Dabei helfen die Schaffung von Begegnungsräumen und gemeinsamen Veranstaltungen. Im Bereich der Elternvertretung fehlen den Familien häufig Kenntnisse über diese spezifische Form des Engagements. Diese Wissenslücken gilt es zu schließen. Gleichzeitig wurde gefordert, dass die Kitas durch mehr Mittel und geeignete Strukturen stärker unterstützt werden.
2. Umgang mit Ängsten und dem Thema Rassismus
Eltern benötigen Aufklärungsangebote in der jeweiligen Erstsprache und vertrauensvolle Anlaufstellen, die es einzurichten gilt. Durch die Anlaufstellen würde sich das Beschwerdemanagement verbessern und Eltern hätten einen Raum, ihre Anliegen anzusprechen und Lösungen zu entwickeln.
3. Informationslücken schließen
Die Kitas sollten niedrigschwellige Informationsangebote zu Bildungsthemen und Teilhabemöglichkeiten zur Verfügung stellen. Dies kann auch in Kooperation mit externen Akteur*innen wie dem MigrantenElternNetzwerk geschehen. Hierfür benötigt es jedoch die Öffnung von Räumen. Außerdem würde die Zusammenarbeit von einer besseren Vernetzung zwischen Einrichtungen, Fachkräften und Eltern profitieren. Auf Ebene der Eltern können dies z.B. Austauschformate wie Elterncafés sein.












